Das Märchen

Dornroses Rache

von CD.Geier

Vorzeiten hatte Dornröschens vergnügliches Leben mit dem Königssohn ein Ende gefunden. Vergessen war die glückliche Zeit des Erwachens nach dem 100 jährigen Schlafe. Die Bilder der prächtigen Hochzeit waren längst verblasst und Dornröschens mädchenhafte Schönheit war der stolzen Anmut einer würdevollen Königin gewichen. 3 Töchter hatte sie ihrem Gemahl geboren, gesegnet mit Dornröschens Tugend, Anmut, Reichtum und den anderen acht wünschenswerten Gaben dieser Welt, welche Dornröschen selbst von den weisen Frauen des Reiches in die Wiege gelegt worden waren. Von ihren Untertanen geliebt ob ihrer Weisheit und Güte, verschmähte sie ihr Ehemann und teilte das Bett schon viele Jahre nicht mehr mit ihr. Stattdessen und anstatt der Regierungsgeschäfte nachzukommen, vergnügte er sich ungeniert mit den Frauen des Hofstaats und den schönsten Weibern und jungen Mägden des Reiches.

Dass Dornrose, wie die Königin mitleidsvoll von ihrem Volk genannt wurde, auch ihr Unglück an ihre Töchter weitergegeben hatte, brach ihr das Herz. Der jüngsten und sittsamsten war die Geburt eines Kindes verwehrt worden, gebrauchte ihr Mann sie im Schlafgemach in der gleichen unwürdigen Weise, wie seine Knappen im Stroh. Unfähig, mit dieser Schmach zu leben, stürzte sich die geliebte Tochter vom alten Turm. Die zweite und schönste Tochter wurde von ihrem Gatten in einem entfernten Herzogtum eingesperrt, auf dass kein anderer Mann sich an ihrem Anblick erfreuen solle, bis sie vor lauter Einsamkeit verstarb. Die älteste und verständigste Tochter, mit dem Reichtum der Thronfolge beschert, wurde zuletzt von ihrem nichtsnutzigen und neidvollen Mann an einen persischen Fürsten mit dem Versprechen verkauft, sie zu enthaupten, sobald sie diesem überdrüssig sei. Ihr schurkischer Mann entfloh mit dem Verkaufserlös übers Meer.

Dornrose verlor ihr Lachen und zog sich in den alten Turm zurück, die Spindel zu drehen und emsig Flachs zu spinnen. Sie verließ ihr Gemach nur noch gelegentlich, um in einem versteckten Teich ein Bade zu nehmen. Auch wenn sie die Regierungsgeschäfte ihren treuen und klugen Ministern überlassen hatte, versank das Volk in Angst und Trauer, seine weise Königin für immer verloren zu haben. Die Felder wurden nicht mehr mit Freude bestellt, so dass die Ernten Jahr für Jahr abnahmen. Die Handwerker produzierten nur noch unwillig für die Bedarfe des Staates und beschränkten sich darauf, ihres eigenen Lebens Unterhalt zu erwirtschaften. Das Lachen und fröhliche Singen des einst so glücklichen Volkes drohte auf Ewigkeit zu verstummen. Sogar die Tiere und Pflanzen bemerkten die dunklen Schatten, die sich über das Königreich legten. Die Zugvögel machten einen großen Bogen um das Land und die sommerliche Blütenpracht wich den schwermütigen Farben von Nachtschattengewächsen. Wieder begann eine Dornenhecke am Turm empor zu wachsen, um die Königin mit einem Schutzwall vor der Bosheit und Tristesse dieser Welt zu umgeben.

Als Dornrose einmal im Bade saß, trug es sich zu, dass ein alter Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr sprach: „Bedenke, wer die Schuld an deiner Last und Gram trägt. Binnen 13 Monaten wirst du dein Lachen und die Freude am Leben zurückgewinnen.“ Als sie des Abends im Licht des Vollmondes an ihrer Spindel saß und über die Worte des Frosches nachdachte, kam sie zur Erkenntnis, dass ihr im Leben nur eine arglistige Frau untergekommen sei, die unschuldig zu Bösem getrieben wurde, indem sie bei ihrem prinzesslichen Geburtsfest verschmäht worden war. Dagegen waren es stets Männer gewesen, die ihr mit eigensinniger Vergnügungslust und niederen Beweggründen Leid, Tod und Trauer gebracht hatten.

Sogleich fasste Dornrose den Entschluss, sich zu rächen und dem wüsten Treiben Einhalt zu gebieten. Sie entsandte Herolde, die hinterlistigsten und ehebrecherischsten Männer des Reiches ausfindig zu machen und ihr Kunde über deren Schandtaten zu bringen. Als Ersten befahl sie den Witwer ihrer jüngsten Tochter zu sich in den alten Turm. „Erweise dich als nützlich und spinne mir Flachs!“, sagte sie, ohne ihn zu grüßen oder auch nur anzusehen und wies auf den Platz an der Spindel. „Oh Königin Mutter, nie haben diese Hände eine niedrige Tätigkeit vollführt. Wie soll ich Dir Flachs spinnen?“, antwortete der Schwiegersohn. „Dann weiß ich nicht, wozu du gut bist!“, erwiderte Dornrose mit lauter Stimme und stach ihm eine Spindel in den Hals, auf dass er zu ihren Füßen jammernd verbluten musste. Ein Lächeln huschte über Dornroses Lippen.

Fortan befahl die Königin zu jedem Vollmond einen Schwerenöter, ungeachtet des Standes, zu sich in den Turm, ihr zu huldigen und befahl, ihr Flachs zu spinnen. Keinem der Männer gelang es, die Aufgabe zu erfüllen und dem Tod durch die Spindel zu entgehen. Und mit jedem Vollmond kehrte bei Dornrose ein Stück ihres Lachens und ihrer Lebensfreude zurück. Im Volk wurde man dem Verschwinden der Männer wohl gewahr, doch wurde kein Unmut breit, da niemand die Übeltäter vermisste. Mit der Zeit wuchs bei den Ehefrauen, Müttern und Töchtern die Freude über eine wohltätige Gerechtigkeit, während sich unter den Männern die Furcht vor einem Ruf in den alten Turm ohne Wiederkehr breit machte. Über allem stand aber die Erleichterung, dass die Königin noch am Leben sei und ihrer Untertanen gedachte.

Aber auch nach einem Jahr war es für Dornrose noch nicht an der Zeit, den umrankten Turm zu verlassen. Zuletzt war noch ihr eigener Ehemann am Leben, der sich in besonderer Weise als Ehebrecher im ganzen Lande hervorgetan hatte. Zögerlich folgte er eines Vollmondabends der königlichen Aufforderung zu einer Audienz im alten Gemäuer. Nach all den Jahren erklomm er noch einmal die enge Wendeltreppe zur Turmstube. Welch Erstaunen erfasste ihn, als er seine Gemahlin in strahlender Schönheit, mit rosigen Wangen und freundlichem Lächeln erblickte. Schon hoffte er auf einen Kuss oder gar ein versöhnliches Liebesstündchen, als Dornrose mit gebieterischer Stimme sprach: „Erweise dich als nützlich und spinne mir Flachs!“ und dabei auf den Platz an der Spindel wies. Der treulose König aber erwiderte: „Mein Weib, ich bin nicht zu dir gekommen, mich mit dieser niederen Arbeit vor dir zu beugen!“ Dornrose antwortete: „Dann weiß ich nicht, wozu du gut bist!“ Auf diese Worte hin wurde der schamlose Gatte von Zorn erfasst und ergriff die Spindel, um sein Eheweib zu erstechen. Er verfing sich aber mit den Füßen in dem Flachs, der auf dem Boden lag, stolperte und stürzte aus dem Fenster, um sich im Fall in den Dornenranken zu verfangen und eines jämmerlichen Todes zu sterben.

Da lachte Dornrose lauthals auf, stieg den Turm hinab, zeigte sich ihrem Hofstaat und ordnete ein großes Fest für ihre Untertanen an. Sie begrüßte die Pferde, spielte mit den Hunden, begrüßte ihre Minister, den Koch und seinen Gesellen und erfreute sich in aller Freundlichkeit der erstaunten Blicke ihrer Ergebenen. Als sie Kunde erhielt, dass ihre Erstgeborene im fernen Orient als Erzählerin schöner Geschichten noch am Leben sei, jubelte sie und sandte sofort ihre tapfersten Ritter aus, die Tochter zu retten und nach Hause ins Schloss zu führen. Für die Gebeine ihres Gatten befahl sie, diese weithin sichtbar in den Dornenranken vermodern zu lassen, als Warnung für alle Männer, ihre Frauen zu achten, zu ehren und ihnen Gutes zu tun.

Endlich nach Ablauf eines Jahres kehrte ihre geliebte Tochter zurück in das Königreich, in dem die Felder wieder reich bestellt waren, Blumenmeere blühten, Handwerksstätten emsig betrieben wurden, Vögel zwitscherten und alle Menschen in Fröhlichkeit lachten und sangen. Dornose schloss ihre Tochter glücklich in die Arme und ordnete ein prächtiges Fest an. Und dann regierten sie gemeinsam und vergnügt bis an ihr seliges Ende.

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